Warum engagiere ich mich für dieses spezielle Thema?
Im Februar und März 1990 war ich bei der Auflösung der DDR-Staatsicherheit
aktiv beteiligt im Frankfurter Bürgerkomitee "Auflösung MfS" als Leiter der AG
Akten/Unterlagen. In diesen besonderen Wochen des Frühjahrs 1990 entstand mein
Text
"Der heiße Atem der Geschichte - Tagebuch eines MfS-Auflösers 1990". Gedruckt wurde mein Tagebuch im Sommer 1990 in Ausgabe 1/90 der von mir
mitbegründeten Zeitschrift "Spiritus - Das unabhängige Kulturmagazin der
Oderregion" - die Details findest du
in diesem Blog-Artikel.

Am Montag, den 27. April 2020, veröffentlichte die Märkische Oderzeitung
einen Artikel
unter der Überschrift "Standort für Stasi-Unterlagen-Archiv in Brandenburg
noch offen". Der MOZ-Journalist Mathias Hausding schrieb am gleichen Tag dazu
einen Kommentar: "Nicht wegducken".
Zu diesem Thema schrieb ich im November 2018 einen Leserbrief, der
am 17.11.2018 im Oderlandspiegel veröffentlicht wurde. Zusätzlich schrieb ich einige E-Mails an Landespolitiker und an die
BStU-Zentrale.
Ich sehe in dieser Angelegenheit unsere Frankfurter Stadtpolitiker in der
Pflicht und der Verantwortung, aktiv zu werden und Lobbyarbeit für unsere
Stadt zu leisten. Ebenfalls halte ich es für dringend notwendig, dass
ehemalige Mitglieder der Frankfurter Gruppierung "Neues Forum" sich der Presse
und gegenüber von Land und Bund zu Wort melden, um so für den Archiv-Standort
Frankfurt (Oder) zu kämpfen.
Ich bin überzeugt, dass viele bekannte Sachgründe für einen Verbleib der
BStU-Außenstelle in Franfurt (Oder) sprechen. Sie sind in Abwägung zum
angedachten Standort Cottbus schwergewichtig. Dem Steuerzahler kann man die
zuzumutenden Kosten, die durch den Verbleib der Außenstelle in Frankfurt
(Oder) entstehen, wesentlich überzeugender darstellen als jene hohen Kosten,
die durch einen Komplett-Umzug des Archivs nach Cottbus entstehen. Für den
Stadtort Frankfurt (Oder) spricht: Die BStU-Liegenschaft in Frankfurt (Oder)
gehört dem Bund. Jahrzehntelange konzeptionelle Arbeit und Erfahrungen vor
Ort, ein erfahrenes und in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit engagiertes
Mitarbeiter-Team, keine zusätzlichen hohen Umzugskosten: In Cottbus müsste man
eine neue Liegenschaft ausbauen, ein neues Team zusammenstellen und
einarbeiten. In Frankfurt wäre lediglich in eine schützende Klimaanlage zu
investieren. Wer das alles vernünftig betrachtet, kann nicht nachvollziehen,
warum ein Umzug überhaupt erwogen wird.
Leider wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Frankfurt (Oder) relativ
wenig um das Frankfurter Stasi-Archivs gekämpft, denn seine Existenz war ja
quasi selbstverständlich und bisher nicht gefährdet. Leider gibt es in
Frankfurt kein
Menschenrechtszentrum
wie in Cottbus, das sich um die notwendige Erinnerungsarbeit in Sachen
SED-DDR-Stasi hier vor Ort kümmert. Frankfurt hat zwar einen Historischen
Verein, aber die Mitglieder interessieren sich - meiner Meinung nach - nicht
wirklich für dieses Geschichtskapitel. Möglicherweise, weil einige
Vereinsmitglieder durch ihre ehemalige SED-Mitgliedschaft belastet sind.
Bereits seit 1992 arbeitet das Frankfurter Stasi-Archiv. Seit vielen Jahren
liegen die Cottbuser Akten hier in Frankfurt. Ich meine, der Standort
Frankfurt (Oder) funktioniert. Die fachlich kompetenten Frankfurter
Archiv-Mitarbeiter haben ein Recht darauf, dass ihre Erfahrungen mit den Akten
gewürdigt und respektiert werden. Doch plötzlich stehen hier in Frankfurt ihre
Existenzen und die Schicksale ihrer Familien unnötigerweise zur Disposition.
Es stellt sich mir die Frage: Wer hat diese Standort-Diskussion initiiert? Bis
2018 gab es diese Diskussion nicht. Was hat diese Diskussion ausgelöst? Und
warum reagiert Frankfurt (Oder) in dieser Angelegenheit bisher so schwach und
zögerlich?
Eine einfache Antwort habe ich nicht, aber Vermutungen: Frankfurt hat einen
Oberbürgermeister, dessen Parteizugehörigkeit problematisch ist: die
Frankfurter SED-PDS-Linkspartei ist seit 1990 nicht aufgefallen durch eine
glaubwürdige Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte. Im Frankfurter
Stadtparlament sitzt seit Jahrzehnten als größte Fraktion die
SED-PDS-Linkspartei. Das wiederum läßt Rückschlüsse zu auf das Denken und
Handeln jener Frankfurter Bürger, die sie dorthin gewählt haben. Frankfurt ist
durch seinen Status als Ex-DDR-Bezirkshauptstadt "durchseucht" mit ehemaligen
SED-Mitgliedern, mit Ex-SED-Funktionären, mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern,
ehemaligen Polizei- und NVA-Mitarbeitern sowie sogenannten DDR-Eliten und all
ihren Angehörigen. Sie alle sind geprägt durch eine daraus resultierende
Geisteshaltung. Sie alle beeinflussen noch immer das politische Klima
Frankfurts. Es gibt leider bisher noch keine gleichstarke politische
Gegenmacht. Nur der Tod bewirkte bisher die Schwächung dieser
Linkspartei-Wählerschaft. Von diesen Frankfurter Bürgern erwarte ich keine
Unterstützung im Kampf um das Stasi-Archiv.
Deutlich wird dies unter anderem durch zahlreiche Pro-DDR-Leserbriefe, die in
den letzten 30 Jahren in Frankfurter Zeitungen abgedruckt wurden. Zuletzt
erschienen im Februar 2020 (
!) in der Märkischen Oderzeitung an einem
Tag gleich zwei Leserbriefe, in denen von den Briefschreibern gefordert wurde,
eine Frankfurter Straße zugunsten des ehemaligen Frankfurter
SED-Oberbürgermeisters Fritz Krause umzubenennen! Für mich eine Forderung, die
zeigt: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch! Auch das ist für mich
ein Indiz dafür, warum Frankfurt den Kampf ums Stasi-Archiv verlieren
könnte.
Die spezielle politische Landschaft in Frankfurt (Oder) und die diffuse
Frankfurter Haltung in Sachen SED-DDR-Stasi ist und bleibt problematisch und
wird natürlich in Berlin und in Cottbus sehr genau wahrgenommen. Roland Jahn,
der Leiter der Berliner BStU-Zentrale, sympathisiert aus Gründen seiner
DDR-Erfahrungen mit dem Cottbuser Menschenrechtszentrum. Dort rechnen sie
verständlicherweise mit seiner Unterstützung und kämpfen nun für den Umzug.
Cottbus ist wegen der Berliner Unterstützung momentan leider drauf und dran,
die Standortfrage für sich zu entscheiden. Wollen die Frankfurter zuschauen,
wie die 55 gut bezahlten Arbeitsplätze der Archiv-Mitarbeiter nach Cottbus
abwandern? Dies würde unsere Stadt nicht nur politisch schwächen, sondern
inmitten der aktuellen Corona-Krise ökonomisch mit besonderer Wucht
treffen!
Am 14.05.2020 habe ich erneut eine E-Mail an die Redaktion des Frankfurter Stadtboten (MOZ) geschickt mit folgendem Inhalt:
"Sehr geehrte Damen und Herren, seit vielen Monaten wird im Land Brandenburg diskutiert über den Standort des brandenburgischen BStU-Archivs. Seit Jahrzehnten befindet sich dieses Archiv der Stasi-Unterlagen in Frankfurt (Oder) und arbeitet hier sehr erfolgreich. Ich bin der Überzeugung, dass viele bekannte Sachgründe für einen Verbleib der BStU-Außenstelle in Franfurt (Oder) sprechen. Sie sind in Abwägung zum angedachten Standort Cottbus schwergewichtig. Dem Steuerzahler kann man die zuzumutenden Kosten, die durch den Verbleib der Außenstelle in Frankfurt (Oder) entstehen, wesentlich überzeugender darstellen als jene hohen Kosten, die durch einen Komplett-Umzug des Archivs nach Cottbus entstehen.
Für den Standort Frankfurt (Oder) sprechen folgende Fakten: 1. Die Frankfurter BStU-Liegenschaft gehört dem Bund; 2. Jahrzehntelange konzeptionelle Arbeit und Erfahrungen vor Ort; 3. Ein erfahrenes und in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit engagiertes Mitarbeiter-Team; 4. Keine Umzugs- und Nebenkosten in Millionenhöhe, denn in Cottbus müsste man eine neue Liegenschaft bauen, ein neues Team zusammenstellen und einarbeiten. Dies würde das brandenburgische BStU-Archiv in seiner Tätigkeit extrem blockieren. In Frankfurt wäre lediglich in eine schützende Klimaanlage zu investieren.
Wer das alles vernünftig betrachtet, kann nicht nachvollziehen, warum ein Umzug überhaupt erwogen wird.
Damals im Frühjahr 1990 war ich aktiv beteiligt bei der Auflösung der DDR-Staatsicherheit im Frankfurter Bürgerkomitee "Auflösung MfS" als Leiter der AG Akten/Unterlagen. Auch deshalb bin ich für den Verbleib des BStU-Archivs in Frankfurt (Oder). Alle interessierten Frankfurter sollten sich dagegen wehren, dass die 55 Arbeitsplätze der Archiv-Mitarbeiter nach Cottbus abwandern. Dies würde Frankfurt nicht nur politisch schwächen, sondern unsere Stadt inmitten der Corona-Krise ökonomisch mit besonderer Wucht treffen.
Mit freundlichem Gruss - Roland Totzauer"
Am 15.05.2020 druckte die MOZ meinen Leserbrief gekürzt ab:

Am 05.06.2020 informierte MOZ.de: "Das Brandenburger Archiv für Stasi-Unterlagen bleibt in Frankfurt (Oder)." Der
MOZ-Artikel kann hier online gelesen werden.
Ich freue mich über diese Entscheidung. Die Frankfurter Archiv-Mitarbeiter können nun wieder in Ruhe ihrer Tätigkeit nachgehen. Jetzt muss nur noch der Bund die Landes-Entscheidung mittragen.
Am 06.06.2020 erschien in der MOZ-Leserbrief-Seite eine gekürzte Version meines Leserbriefes vom 15.05.2020.