10.11.2020

Impressionismus in Russland

01. Dezember 2020 bis zum 14. Februar 2021
Museum Barberini Potsdam

Impressionismus in Russland um 1900
Aufbruch zur Avantgarde
Die Ausstellung im Museum Barberini widmet sich der bislang kaum erforschten Rezeption französischer Lichtmalerei in Russland und zeigt anhand von über 80 Werken – von Ilja Repin bis Kasimir Malewitsch – die Internationalität der Bildsprache um 1900.
Seit den 1860er Jahren zog Paris als führende europäische Kunstmetropole Maler der Akademien von Moskau und St. Petersburg an. In der Auseinandersetzung mit der impressionistischen Malerei des modernen Lebens befreiten sie sich vom Regelwerk des akademischen Realismus in Russland. Die Begegnung mit der französischen Malerei inspirierte Künstler wie Ilja Repin, Konstantin Korowin und Valentin Serow zu Darstellungen, die neben dem Eindruck des Gegenwärtigen Momente einer sinnlichen, dem Leben zugewandten modernen Welt zeigten. Elektrisches Licht, die Auslagen der Schaufenster und die Architektur der modernen Boulevards boten ihnen Motive, denen sie mit großer malerischer Freiheit begegneten.
Das vom Impressionismus inspirierte Malen unter freiem Himmel veränderte die russische Kunst und machte das Thema Landschaft populär. Repin, Wassili Polenow und ihre Schüler Korowin und Serow erkundeten die Natur um Moskau und reisten in die Weiten des Nordens. Das Malen en plein air und ein skizzenhafter Stil führten die Künstler an Motive einer Lebensfreude heran, die sich von den existentiellen Themen der russischen Kunst lossagte. Die Künstler fingen das Unbeschwerte des modernen Freizeitvergnügens auch auf der Datscha in lichtdurchfluteten impressionistischen Interieurs ein. Das Studium des Lichts in Innenräumen und auf den Gegenständen von Stillleben führte zur Aufwertung dieser an der Moskauer Akademie gering geachteten Gattungen. In Portraits und Familienbildern wiederum verknüpften die russischen Künstler Unmittelbarkeit mit psychologischer Deutung zu einer eigenen Spielart des Impressionismus. Fragen der nationalen Identität spielten dabei ebenso eine Rolle wie das Verhältnis zur realistischen Tradition innerhalb der Malerei.
Eine zweite Generation russischer Künstler in Paris lernte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Postimpressionismus und Fauvismus eine Malerei kennen, die mit leuchtenden Reinfarben experimentierte. Die Landschaftsmalerei wurde zum ersten Experimentierfeld für Künstler wie Michael Larionow, Natalja Gontscharowa und Kasimir Malewitsch. Sie sahen sich als Impressionisten, bevor sie nach 1910 mit dem expressiven Rayonismus und dem ungegenständlichen Suprematismus die russische Avantgardekunst begründeten. In der befreiten Farbe fanden die Maler eine Energie, die für die Dynamik und Erneuerung einer neuen Zeit stand. Impressionistische Beobachtung wurde in kubistische und futuristische Flächenzergliederung transformiert und in Malewitschs Serie Weiß auf Weiß als lichthaltiges Nichts verabsolutiert. (Text-Quelle: Museum Barberini)
Die Ausstellung umfasst mehr als 80 Leihgaben u. a. der ABA Gallery, New York, des Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, der Sammlung Iveta und Tamaz Manasherov, Moskau, der Sammlung Vladimir Tsarenkov, London, der Staatlichen Tretjakow-Galerie Moskau, des Staatlichen Museums der Bildenden Künste der Republik Tatarstan, Kasan Sammlung Elsina Khayrova, London, des Stedelijk Museum, Amsterdam, sowie aus Privatsammlungen.
   
Eine Ausstellung des Museums Barberini, Potsdam, und des Museums Frieder Burda, Baden-Baden, in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Trejakow-Galerie, Moskau.

12.09.2020

Kurze Nacht der Museen

Am 11. September 2020 fand die diesjährige "Kurze Nacht der Frankfurter Museen" statt. Ich nutzte diesen Abend und besuchte bei freiem Eintritt drei Frankfurter Einrichtungen:

In der Frankfurter Rathausgalerie herrschte noch relativ großer Andrang. Das hing mit der dort gerade zu Ende gegangenen Eröffnung zusammen, bei der die Brandenburgische Kulturministerin anwesend war. Die Ausstellung "Ich Du Wir – Bildnisse in der DDR. Malerei und Bildhauerei aus der Sammlung des BLMK" widmet sich dem ikonografischen Aspekt des Bildnisses in der DDR.
Das können Einzel- und Gruppenporträts sein, die wiederum fiktive Szenerien, Gleichnishaftes und individuelle Porträts darstellen. Anzutreffen sind realistische, veristische, idealistische (Sozialistischer Realismus), expressive, kubistische und impressionistische Formsprachen. In der DDR stand als kulturpolitische Forderung die Ideologie vom Neuen Menschen. Das war mit der kulturpolitischen Reglementierung seitens des Staates verbunden, der ein sozialistisches (idealisiertes) Wir einforderte.
Zugleich war diese Forderung eingebunden in die prinzipielle Unterdrückung eines jeden Einzelnen. Diese Fiktion der Gleichschaltung ebbte als Forderung an die Kunst in den Siebzigerjahren allmählich ab, verschwand aber nicht. Dem entgegengesetzt wurden die Künstler*innen nicht müde, das Ich zu verbildlichen und das Individuelle im Gegenüber, im „Du“ ausfindig zu machen.
Dabei musste jede Künstlerin und jeder Künstler für sich die mehr oder weniger existenzielle Entscheidung treffen, wie man sich unter diesen Bedingungen verhält – wie die eigene Kunst auszusehen hat. Allein ihnen oblag es, wie weit man sich in den schöpferischen Prozess einer Spätmoderne hinein begab und deren Begrenzungen auslotete. Dafür war in der DDR die Malerei DAS Medium, welches eine gewisse Popularität genoss und Breitenwirkung entfaltete.
Von 66 Künstler*innen sind 90 Malereien und Werke der Bildhauerei aus der Sammlung des BLMK in loser Chronologie und stilistisch sich voneinander absetzend angeordnet. Das soll dem Betrachter eine eigene differenzierte Sicht auf die sich oft widersprechenden Positionen innerhalb des gleichen Zeitabschnittes ermöglichen.

Das Frankfurter Stadtmuseum Viadrina präsentierte die Sonderausstellung "Krieg und Frieden in Brandenburg. Frankfurt (Oder) 1945". Die Ausstellung zeichnet zum 75. Jahrestag der Befreiung und Besetzung der Stadt die wichtigsten Themen der Nachkriegszeit nach und fragt gleichzeitig, welche persönlichen Erinnerungen und Nachlässe die heute in der Stadt Lebenden mit der Weltkriegszeit verbinden. Die Folgen von Krieg und Frieden spiegeln sich in Frankfurt (Oder) wie in kaum einer anderen Stadt im Land Brandenburg wider. Auf die verschiedenen Facetten einer Zeitenwende um das Jahr 1945 wird mit der Sonderausstellung an dem Ort erinnert, der bis zu diesem Datum unumstritten als Hauptstadt Ostbrandenburgs fungierte.
Als Verwaltungs- und Militärstandort kommt der Stadt eine wichtige Bedeutung in der Geschichte von Krieg und Gewalt zwischen 1939-1945 zu. Im Jahr 1945 wird Brandenburg zum Kriegsschauplatz im Zweiten Weltkrieg. Frankfurt ist verstrickt Kampfhandlungen und NS-Verbrechen, die Stadt wird selbst zum Schlachtfeld, schließlich nach Plünderung und Brandschatzung im Zentrum ausradiert. Das über Jahrhunderte gewachsene Kulturerbe ist verloren und zerstört. Exemplarisch lassen sich hier die Folgen des Krieges studieren. Frankfurt wird geteilt und liegt nun erstmals an der deutsch-polnischen Grenze.

Das Kleist-Museum lud ein zu einer Reise in ein Randgebiet der Kleistforschung. Aus dem Archiv des Museums und der Sammlung Burkhard Wolter wurde eine Auswahl selten gezeigter Objekte zusammengestellt, die auf den ersten Blick vielleicht wie ein Sammelsurium, eine wilde Mischung von Souvenirs und Überbleibseln der Rezeption erscheint.
In Anlehnung an Kleists Betrachtung zeigt sich jedoch, wie diffizil der Umgang mit dem "seltsamen Ding Nachruhm" sein kann. Hier begegnen wir Kleist ungeschützt, nicht autorisiert. Man bemächtigte sich in den vergangenen 200 Jahren vielfach seiner Worte und seines vermeintlichen Abbildes, sei es in der hehren Absicht einer Würdigung oder nur zur Zier eines Produktes im Dienste des Marketings. Abhängig vom Zeitgeist stellt sich mitunter auch die Frage der Instrumentalisierung von Person und Werk.

28.08.2020

Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner

Das Museum Barberini in Potsdam zeigt vom 5. September 2020 an dauerhaft die umfangreiche Sammlung impressionistischer Gemälde des Museumsgründers Hasso Plattner – darunter Meisterwerke von Monet, Renoir und Signac. Mit 34 Gemälden von Claude Monet sind außerhalb von Paris nirgends in Europa mehr Werke dieses Künstlers an einem Ort zu sehen. Potsdam wird damit eines der weltweit wichtigsten Zentren impressionistischer Landschaftsmalerei. So bietet das Museum Barberini neben seinen Wechselausstellungen in internationalen Kooperationen eine in Deutschland einmalige Sammlung.

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Noch immer fasziniert diese Malerei mit ihrer Konzentration auf den Augenblick. Die Impressionisten wollten alles malen, wenn es nur neu gesehen war. Ihrer Beobachtungsgabe verdanken wir realistische Bilder von überraschender Abstraktion. Geleitet von den Wechselwirkungen des Lichts und der Atmosphäre schufen sie zeitlos schöne Landschaften, deren Neuerungsgeist und Energie bis heute begeistert.
Hasso Plattner hat sich für diese Malerei entschieden und erklärt seine Leidenschaft: „Die Gemälde beziehen uns als Betrachter unmittelbar mit ein. Wir spüren den Wind auf der Haut und die Temperatur des Wassers, wenn wir Monets Segelboten auf der Seine zusehen. Das schafft keine andere Kunst. Die Impressionisten sind Kommunikationsgenies.“ Hasso Plattner gibt nun über 100 Werke seiner Privatsammlung wie auch seiner Stiftung, der Hasso Plattner Foundation, als Dauerleihgabe in das Museum Barberini. Zu den bekanntesten Werken des Bestandes gehören Caillebottes Brücke von Argenteuil (1983), Monets Getreideschober (1891), Signacs Hafen bei Sonnenuntergang (1892), Monets Palazzo Contarini (1908) und die Seerosen (1914–1917/18).
Mit dem Museum Barberini und seiner Sammlung möchte Plattner auch an die umkämpfte Geschichte des Impressionismus in Deutschland erinnern. Noch bis heute ist die Malerei dieser Kunstrichtung an deutschen Museen nur wenig vertreten: „Aus nationalem Ressentiment wurde der französische Impressionismus in Deutschland in der Kaiserzeit kaum gesammelt. Meine Sammlung im Museum Barberini soll heute, besonders hier im Osten Deutschlands, ein Ort der deutsch-französischen Freundschaft, des kulturellen Freigeistes und des internationalen Austausches sein.“
Die Sammlung ermöglicht, die Geschichte des französischen Impressionismus vorzustellen. Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini, unterstreicht die Bedeutung der neuen Dauerausstellung: „Es gibt keine vergleichbare Sammlung, die impressionistische Landschaftsmalerei so umfangreich und in ihrer Entwicklung und Ikonographie so schlüssig zeigen könnte. Man kann tatsächlich die Geschichte dieser faszinierenden Kunstrichtung anhand unserer Werke nachvollziehen.“
Schon mit der Eröffnungsausstellung des Museums Barberini Impressionismus. Die Kunst der Landschaft war Westheider 2017 dem Vorurteil entgegengetreten, Impressionismus sei eine spontane Stimmungskunst. Diese Malerei, so Westheider, lohnt eine fundierte Auseinandersetzung: „Dass Hasso Plattner diesen Schatz jetzt dauerhaft dem Museum Barberini anvertraut, ermöglicht, mit Ausstellungen, Symposien und Vorträgen der Impressionismus-Forschung neue Impulse zu geben und uns weltweit zu vernetzen.“
Zur Eröffnung der Sammlungspräsentation erscheint im Prestel Verlag der Katalog Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner von Ortrud Westheider. Auf der Website (www.museum-barberini.com) wird die Sammlung mit Texten von Daniel Zamani, Kurator am Museum Barberini, und Ergebnissen der Provenienzforschung von Linda Hacka, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, vorgestellt.
Text- und Fotoquelle: Museum Barberini

05.08.2020

Markendorfer Konferenz, Quark und Himmels-Hymne

Am 05. August 2020 trafen sich in Markendorf drei bekannte Frankfurter Computer- und Fahrrad-Experten zu einem bedeutenden Erfahrungsaustausch. Im Laufe ihrer Konferenz ging es um dem Umgang mit verschiedenen Medien. Besonders die unterschiedliche Hardware und die davon abhängige Software stand im Mittelpunkt ihrer Gespräche. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen bekannt wurde, vereinbarten die Teilnehmer ihre Zusammenarbeit.
Ein zweiter Konferenzpunkt bestand in der Verabredung weiterer allgemeiner Fahrradaktivitäten. Am Ende der Konferenz entstand ein gemeinsames Foto, auf dem die Teilnehmer - mehr oder weniger zufrieden mit den Ergebnissen ihrer Konferenz - in die anwesende Kamera schauten:

Anschließend gab es zum Mittagessen die Spezialität "Quark mit Kartoffeln".
Mein Tag endete mit der Pink-Floyd-Hymne = "Der große Auftritt im Himmel".

24.07.2020

EDV im Halbleiterwerk und Kulturstudium

Von 09/1968 bis 07/1970 absolvierte ich im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) erfolgreich die Berufsausbildung zum "Facharbeiter für Datenverarbeitung". Anschließend arbeitete ich bis Ende 1975 im Rechenzentrum dieser Halbleiterfabrik (unterbrochen durch eine 18-monatige Armeezeit von 05/1971 bis 10/1972). Im Jahr 1975 entstand im Werk ein offizielles Betriebsfoto: Umringt von mehreren Arbeitskollegen sitze ich am Bedienpult der betriebseigenen EDV-Anlage "R 300" und drücke für den Fotografen eine Taste, während ehemalige Kollegen hinter mir stehen bzw. sitzen:


Am Ende des Jahres 1975 kündigte ich meinen Schichtarbeiter-Job, verließ das Werk, den ungeliebten 3-Schicht-Rhythmus, die permanenten Propagandalosungen, die ätzenden Wandzeitungen und ging in die große kleine DDR-Welt hinaus. Der Kampf ums Überleben im DDR-Alltag nahm neue Formen und neue Inhalte an und brachte alte und neue Grenzerfahrungen.

Es begann für mich eine neue Zeitrechnung. Von 09/1977 bis 08/1980 studierte ich in Meissen-Siebeneichen "Kulturwissenschaft". Dieser Abschluss wurde 2007 von der Sächsischen Regierung anerkannt und mit Urkunde bestätigt.
Aus Datenschutzgründen habe ich mein Geburtsdatum gelöscht:



16.06.2020

1988 - Frankfurter Erinnerungsfacette

Beim Stöbern in Fotokisten fand ich Schwarz-Weiss-Fotos, entstanden im Sommer 1988, u.a. in der Wohnung von Beatrix Meerwald (gest. 2019):



Foto 1 zeigt von rechts: Beatrix, ihre Tochter, einen befreundeten Mosambikaner, der damals im Frankfurter Wohnungsbaukombinat zum Baufacharbeiter ausgebildet wurde und mich. Das Foto machte ihr damaliger Lebensgefährte Henry Gentsch - der Vater von Beatrix Tochter. Ich war damals mit Henry befreundet und besuchte sie oft in ihrer gemeinsamen Wohnung. Nach der Wende hat Henry G. Frankfurt (Oder) und Beatrix verlassen und ein Kunststudium in Berlin begonnen.


Auch das Foto 2 entstand damals in Beatrix Wohnung: der mosambikanische Freund kehrte nach 1990 zurück in seine Heimat.


Foto 3 zeigt Henry und mich während eines Spaziergangs in Frankfurt

13.06.2020

1990 erschien die neue Zeitschrift "Spiritus"


Vor 30 Jahren, im Sommer 1990, erschien die erste Ausgabe der Zeitschift "Spiritus - Das unabhängige Kulturmagazin der Oderregion".

Die Zeitschrift entstand damals nach dem Mauerfall als Kind der Wendezeit 1989/90. Die Idee für diese neue Zeitschrift entwickelte ich im November und im Dezember 1989 und stellte das Konzept allen damaligen Künstlerverbänden und Kulturinstitutionen in der Bezirkshauptstadt Frankfurt (Oder) vor. Auch Amateurkünstler hatten Interesse an einer Zuarbeit. Einige potenzielle Partner reagierten begeistert, andere nur abwartend. Mein Konzept landete auch auf Schreibtischen der Kulturabteilung des damaligen Rates des Bezirkes.
Kurz nach dem Jahreswechsel 1990 war bereits erkennbar, dass es einen Umbruch der staatlichen Strukturen geben wird. In dieser hektischen Phase blieb mein Zeitschriften-Konzept vorerst noch in der Schublade liegen. Aber im Frühjahr 1990, als das Frankfurter Haus der Künste aus der Trägerschaft des Rates des Bezirkes Frankfurt (Oder) entlassen und an die Stadt Frankfurt (Oder) übertragen wurde, passte meine Zeitschriften-Idee in das Vakuum, das durch die schrittweise Auflösung der DDR-Strukturen entstand. Arbeitsstellen wurden infrage gestellt oder abgewickelt - neue entstanden, z.B. auch im Frankfurter Haus der Künste. Damals arbeiteten in der Redaktion der ersten Zeitschriften-Nummer mit: Carmen Winter, Ingrid Kopielski und Roland Totzauer.
  
Von der Nummer 1/90 schickte ich ein Belegexemplar an die Märkische Oderzeitung. Vielleicht existiert dieses Heft heute noch irgendwo tief im Archiv der MOZ. Belegexemplare erhielten damals auch das Frankfurter Stadtarchiv und das Frankfurter Museum Viadrina. Nach dem Druck der Nummer 1 konzentrierte ich mich wieder auf meine eigentliche Hauptaufgabe als Veranstaltungsmitarbeiter im Haus der Künste.

Das Heft "Spiritus - Das unabhängige Kulturmagazin der Oderregion" war tatsächlich aber nie unabhängig. Das kommunale Geld war knapp und wurde immer knapper. Die Stadt musste Entscheidungen treffen und setzte andere Prioritäten. Die Freizeitinteressen der Frankfurter veränderten sich nach 1990. Somit war das Ende der von der Stadt Frankfurt (Oder) gesponsorten Kultur-Zeitschrift nur eine Frage der Zeit: Nach wenigen Nummern musste die Zeitschrift "Spiritus - Das unabhängige Kulturmagazin der Oderregion" eingestellt werden. Vielleicht liegen heute noch Restposten einiger Hefte irgendwo auf einem Dachboden im Haus der Künste? 


29.04.2020

Diskussionen um Frankfurter Stasi-Archiv

Warum engagiere ich mich für dieses spezielle Thema?
Im Februar und März 1990 war ich bei der Auflösung der DDR-Staatsicherheit aktiv beteiligt im Frankfurter Bürgerkomitee "Auflösung MfS" als Leiter der AG Akten/Unterlagen. In diesen besonderen Wochen des Frühjahrs 1990 entstand mein Text "Der heiße Atem der Geschichte - Tagebuch eines MfS-Auflösers 1990". Gedruckt wurde mein Tagebuch im Sommer 1990 in Ausgabe 1/90 der von mir mitbegründeten Zeitschrift "Spiritus - Das unabhängige Kulturmagazin der Oderregion" - die Details findest du in diesem Blog-Artikel.


Am Montag, den 27. April 2020, veröffentlichte die Märkische Oderzeitung einen Artikel unter der Überschrift "Standort für Stasi-Unterlagen-Archiv in Brandenburg noch offen". Der MOZ-Journalist Mathias Hausding schrieb am gleichen Tag dazu einen Kommentar: "Nicht wegducken".

Zu diesem Thema schrieb ich im November 2018 einen Leserbrief, der am 17.11.2018 im Oderlandspiegel veröffentlicht wurde. Zusätzlich schrieb ich einige E-Mails an Landespolitiker und an die BStU-Zentrale.

Ich sehe in dieser Angelegenheit unsere Frankfurter Stadtpolitiker in der Pflicht und der Verantwortung, aktiv zu werden und Lobbyarbeit für unsere Stadt zu leisten. Ebenfalls halte ich es für dringend notwendig, dass ehemalige Mitglieder der Frankfurter Gruppierung "Neues Forum" sich der Presse und gegenüber von Land und Bund zu Wort melden, um so für den Archiv-Standort Frankfurt (Oder) zu kämpfen.

Ich bin überzeugt, dass viele bekannte Sachgründe für einen Verbleib der BStU-Außenstelle in Franfurt (Oder) sprechen. Sie sind in Abwägung zum angedachten Standort Cottbus schwergewichtig. Dem Steuerzahler kann man die zuzumutenden Kosten, die durch den Verbleib der Außenstelle in Frankfurt (Oder) entstehen, wesentlich überzeugender darstellen als jene hohen Kosten, die durch einen Komplett-Umzug des Archivs nach Cottbus entstehen. Für den Stadtort Frankfurt (Oder) spricht: Die BStU-Liegenschaft in Frankfurt (Oder) gehört dem Bund. Jahrzehntelange konzeptionelle Arbeit und Erfahrungen vor Ort, ein erfahrenes und in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit engagiertes Mitarbeiter-Team, keine zusätzlichen hohen Umzugskosten: In Cottbus müsste man eine neue Liegenschaft ausbauen, ein neues Team zusammenstellen und einarbeiten. In Frankfurt wäre lediglich in eine schützende Klimaanlage zu investieren. Wer das alles vernünftig betrachtet, kann nicht nachvollziehen, warum ein Umzug überhaupt erwogen wird.

Leider wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Frankfurt (Oder) relativ wenig um das Frankfurter Stasi-Archivs gekämpft, denn seine Existenz war ja quasi selbstverständlich und bisher nicht gefährdet. Leider gibt es in Frankfurt kein Menschenrechtszentrum wie in Cottbus, das sich um die notwendige Erinnerungsarbeit in Sachen SED-DDR-Stasi hier vor Ort kümmert. Frankfurt hat zwar einen Historischen Verein, aber die Mitglieder interessieren sich - meiner Meinung nach - nicht wirklich für dieses Geschichtskapitel. Möglicherweise, weil einige Vereinsmitglieder durch ihre ehemalige SED-Mitgliedschaft belastet sind.


Bereits seit 1992 arbeitet das Frankfurter Stasi-Archiv. Seit vielen Jahren liegen die Cottbuser Akten hier in Frankfurt. Ich meine, der Standort Frankfurt (Oder) funktioniert. Die fachlich kompetenten Frankfurter Archiv-Mitarbeiter haben ein Recht darauf, dass ihre Erfahrungen mit den Akten gewürdigt und respektiert werden. Doch plötzlich stehen hier in Frankfurt ihre Existenzen und die Schicksale ihrer Familien unnötigerweise zur Disposition. Es stellt sich mir die Frage: Wer hat diese Standort-Diskussion initiiert? Bis 2018 gab es diese Diskussion nicht. Was hat diese Diskussion ausgelöst? Und warum reagiert Frankfurt (Oder) in dieser Angelegenheit bisher so schwach und zögerlich?


Eine einfache Antwort habe ich nicht, aber Vermutungen: Frankfurt hat einen Oberbürgermeister, dessen Parteizugehörigkeit problematisch ist: die Frankfurter SED-PDS-Linkspartei ist seit 1990 nicht aufgefallen durch eine glaubwürdige Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte. Im Frankfurter Stadtparlament sitzt seit Jahrzehnten als größte Fraktion die SED-PDS-Linkspartei. Das wiederum läßt Rückschlüsse zu auf das Denken und Handeln jener Frankfurter Bürger, die sie dorthin gewählt haben. Frankfurt ist durch seinen Status als Ex-DDR-Bezirkshauptstadt "durchseucht" mit ehemaligen SED-Mitgliedern, mit Ex-SED-Funktionären, mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern, ehemaligen Polizei- und NVA-Mitarbeitern sowie sogenannten DDR-Eliten und all ihren Angehörigen. Sie alle sind geprägt durch eine daraus resultierende Geisteshaltung. Sie alle beeinflussen noch immer das politische Klima Frankfurts. Es gibt leider bisher noch keine gleichstarke politische Gegenmacht. Nur der Tod bewirkte bisher die Schwächung dieser Linkspartei-Wählerschaft. Von diesen Frankfurter Bürgern erwarte ich keine Unterstützung im Kampf um das Stasi-Archiv.

Deutlich wird dies unter anderem durch zahlreiche Pro-DDR-Leserbriefe, die in den letzten 30 Jahren in Frankfurter Zeitungen abgedruckt wurden. Zuletzt erschienen im Februar 2020 (!) in der Märkischen Oderzeitung an einem Tag gleich zwei Leserbriefe, in denen von den Briefschreibern gefordert wurde, eine Frankfurter Straße zugunsten des ehemaligen Frankfurter SED-Oberbürgermeisters Fritz Krause umzubenennen! Für mich eine Forderung, die zeigt: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch! Auch das ist für mich ein Indiz dafür, warum Frankfurt den Kampf ums Stasi-Archiv verlieren könnte.

Die spezielle politische Landschaft in Frankfurt (Oder) und die diffuse Frankfurter Haltung in Sachen SED-DDR-Stasi ist und bleibt problematisch und wird natürlich in Berlin und in Cottbus sehr genau wahrgenommen. Roland Jahn, der Leiter der Berliner BStU-Zentrale, sympathisiert aus Gründen seiner  DDR-Erfahrungen mit dem Cottbuser Menschenrechtszentrum. Dort rechnen sie verständlicherweise mit seiner Unterstützung und kämpfen nun für den Umzug. Cottbus ist wegen der Berliner Unterstützung momentan leider drauf und dran, die Standortfrage für sich zu entscheiden. Wollen die Frankfurter zuschauen, wie die 55 gut bezahlten Arbeitsplätze der Archiv-Mitarbeiter nach Cottbus abwandern? Dies würde unsere Stadt nicht nur politisch schwächen, sondern inmitten der aktuellen Corona-Krise ökonomisch mit besonderer Wucht treffen!



Am 14.05.2020 habe ich erneut eine E-Mail an die Redaktion des Frankfurter Stadtboten (MOZ) geschickt mit folgendem Inhalt:

"Sehr geehrte Damen und Herren, seit vielen Monaten wird im Land Brandenburg diskutiert über den Standort des brandenburgischen BStU-Archivs. Seit Jahrzehnten befindet sich dieses Archiv der Stasi-Unterlagen in Frankfurt (Oder) und arbeitet hier sehr erfolgreich. Ich bin der Überzeugung, dass viele bekannte Sachgründe für einen Verbleib der BStU-Außenstelle in Franfurt (Oder) sprechen. Sie sind in Abwägung zum angedachten Standort Cottbus schwergewichtig. Dem Steuerzahler kann man die zuzumutenden Kosten, die durch den Verbleib der Außenstelle in Frankfurt (Oder) entstehen, wesentlich überzeugender darstellen als jene hohen Kosten, die durch einen Komplett-Umzug des Archivs nach Cottbus entstehen. Für den Standort Frankfurt (Oder) sprechen folgende Fakten: 1. Die Frankfurter BStU-Liegenschaft gehört dem Bund; 2. Jahrzehntelange konzeptionelle Arbeit und Erfahrungen vor Ort; 3. Ein erfahrenes und in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit engagiertes Mitarbeiter-Team; 4. Keine Umzugs- und Nebenkosten in Millionenhöhe, denn in Cottbus müsste man eine neue Liegenschaft bauen, ein neues Team zusammenstellen und einarbeiten. Dies würde das brandenburgische BStU-Archiv in seiner Tätigkeit extrem blockieren. In Frankfurt wäre lediglich in eine schützende Klimaanlage zu investieren. Wer das alles vernünftig betrachtet, kann nicht nachvollziehen, warum ein Umzug überhaupt erwogen wird. Damals im Frühjahr 1990 war ich aktiv beteiligt bei der Auflösung der DDR-Staatsicherheit im Frankfurter Bürgerkomitee "Auflösung MfS" als Leiter der AG Akten/Unterlagen. Auch deshalb bin ich für den Verbleib des BStU-Archivs in Frankfurt (Oder). Alle interessierten Frankfurter sollten sich dagegen wehren, dass die 55 Arbeitsplätze der Archiv-Mitarbeiter nach Cottbus abwandern. Dies würde Frankfurt nicht nur politisch schwächen, sondern unsere Stadt inmitten der Corona-Krise ökonomisch mit besonderer Wucht treffen.
Mit freundlichem Gruss - Roland Totzauer"

Am 15.05.2020 druckte die MOZ meinen Leserbrief gekürzt ab:

Am 05.06.2020 informierte MOZ.de: "Das Brandenburger Archiv für Stasi-Unterlagen bleibt in Frankfurt (Oder)." Der MOZ-Artikel kann hier online gelesen werden.
Ich freue mich über diese Entscheidung. Die Frankfurter Archiv-Mitarbeiter können nun wieder in Ruhe ihrer Tätigkeit nachgehen. Jetzt muss nur noch der Bund die Landes-Entscheidung mittragen.
Am 06.06.2020 erschien in der MOZ-Leserbrief-Seite eine gekürzte Version meines Leserbriefes vom 15.05.2020.