13.03.2019

Geschichten um den Kleiststein

Die Schlacht bei Kunersdorf und der Kleiststein bei Kunowice

Am 12. August 1759 waren die Armeen der damaligen europäischen Großmächte Österreich, Russland und Preußen in der Nähe von Frankfurt (Oder) aufmarschiert. Sie stießen in Kunersdorf (heute polnisches Kunowice, Vorort von Slubice) aufeinander. Diese Schlacht zählt zu den größten des Siebenjährigen Krieges, dem ersten Konflikt mit einer globalen Reichweite.
Kriegsopfer, ca. 35.000 Tote und Verwundete, waren nicht nur Deutsche, Russen und Österreicher, sondern auch Vertreter anderer Völker – Slawen, Balkanvölker, Kosaken und Ungarn. Die Kunersdorfer Schlacht ist ein wahrlich europäischer Teil unserer Regionalgeschichte.

An der Schlacht von Kunersdorf nahm auch der deutsche Dichter Ewald von Kleist als preussischer Offizier teil. Am 12. August 1759 drang er an der Spitze seines Bataillons gegen eine feindliche Batterie vor. Er wurde an der rechten Hand schwer verwundet. Drei Kartätschenkugeln zerschmetterten sein rechtes Bein. Ohnmächtig blieb Kleist die Nacht über auf dem Schlachtfeld liegen, wurde von Kosaken ausgeplündert und erst am nächsten Tag nach Frankfurt (Oder) gebracht.

Am 24. August 1759 erlag Kleist in Frankfurt (Oder) seinen Verletzungen und wurde von der russischen Garnison begraben. Kleist war Mitglied einer Freimaurer-Loge. 1780 setzte die Freimaurer-Loge „Zum aufrichtigen Herzen“ in Frankfurt (Oder) ein Grabdenkmal für Ewald von Kleist. Ihm zu Ehren und zur Erinnerung an die anderen Toten der Kunersdorfer Schlacht entstand von 1891 bis 1892 der Kleistturm - finanziert durch Bürgerspenden. 1945 haben deutsche Soldaten den Turm gesprengt.
Meine Idee, den Kleistturm wieder aufzubauen, habe ich 1999 mit zwei Rathaus-Briefen in die Öffentlichkeit getragen. Am 22.10.2005 hat sich der damalige Slubicer Bürgermeister Bodziacki erstmals in einem MOZ-Zeitungsartikel zu meiner Idee und zum Wiederaufbau des Kleistturms bekannt.

Am 11.09.1999 weihten Mitglieder des Heimatkreises Weststernberg gemeinsam mit der Slubicer Stadtverwaltung nördlich von Kunowice den Gedenkstein für Ewald von Kleist ein.


Der Bernauer Autor und ehemalige Redakteur vom „Weststernberger Heimatbrief“, Karl-Heinz Schneider, berichtete über diesen Vorgang:

„Spurensuche führt natürlich immer zu Erkenntnisgewinn – zu erfreulichen aber leider auch zu schmerzlichen Erkenntnissen. Das beweisen sehr anschaulich zwei Gedenksteine. Der eine Stein steht an der Ilanka in Rosiejewo, einst Pulverkrug, in einem Ort, den es heute nicht mehr gibt. Bis 1945 stand an der Eilang in Pulverkrug eine der modernsten Papierfabriken Brandenburgs. Gegründet hatte sie 1539 der Kurfürst, um das an der Viadrina benötigte Schreibpapier zu produzieren. 1939 stellten die Pulverkruger zum 400. Jahrestag des Bestehens dieser Papierfabrik einen Gedenkstein auf, der ab 1945 verschwunden war. Unsere Spurensuche führte uns diesmal nicht nur an, sondern in die Eilang, aus der wir dann tatsächlich diesen 6-Tonnen-Findling mit schwerer Technik bergen konnten.
Mit Unterstützung der Słubicer Stadtverwaltung und dem Kulturamt der Wojewodschaft in Gorzów-Landsberg versahen wir diesen Stein mit einer deutsch-polnischen Schrifttafel, ein deutscher Pfarrer und ein polnischer Priester weihten ihn unter dem Hörnerklang einer Rzepiner Jagdbläsergruppe am 22.September 1997 als Gedenkstätte am Ilanka-Ufer ein. Dieser Stein verkörpert also auch direkt ein Stück Geschichte der heutigen Europa-Universität.
Nur diese heutige Viadrina nahm trotz damaliger Einladung zur Einweihung keinerlei Notiz von dieser kleinen Gedenkstätte, diesem Lesezeichen eigener Universitätsgeschichte – am Ilanka-Ufer. Noch trauriger verhält es sich mit dem Gedenkstein für den Dichter Ewald von Kleist in Kunowice. Nach langer und aufwendiger Spurensuche unter Beteiligung polnischer und deutscher Heimatforscher setzten wir diesen Stein – gemeinsam mit der Stadtverwaltung in Słubice – am 11. September 1999 in unmittelbarer Nähe jener Stelle, an der am 12. August 1759 Ewald von Kleist in der Kunersdorfer Schlacht tödlich verwundet wurde. Auch dieses Ereignis wurde von offizieller deutscher Seite – sowohl vom Kleist-Museum als auch von der Stadt Frankfurt –, obgleich es sie keinen Pfennig gekostet hätte, ignoriert.“

Nachdem der Kleiststein 1999 nördlich von Kunowice offiziell aufgestellt war, machte er eine Entwicklung durch, die ich unten mit über 30 Fotos dokumentiere. Mein erstes Foto vom Kleiststein entstand 2005. Seither kamen ständig weitere hinzu. Nicht in jedem Jahr fotografierte ich den Stein. Oft fuhr ich mit meinem Fahrrad vorbei, ohne anzuhalten. Oft war ich mit anderen Radfahrern unterwegs. Manchmal hielten wir dort an, um den Stein und das Kleist-Routen-Schild zu inspizieren. Manchmal radelten wir dort auch einfach nur vorbei ohne anzuhalten, denn die meisten Radtour-Teilnehmer kannten inzwischen den Stein. Auch deshalb entstanden nicht in allen Jahren seit 2005 neue Fotos vom Kleiststein.

Die Tafel am Kleiststein wurde bereits kurz nach ihrer Anbringung zerstört. Einige Reste der Tafel habe ich in der näheren Umgebung im Gras gefunden und mit nach Hause genommen. Wegen der abgeschiedenen Lage des Kleiststeins sollte es keine Ersatztafel geben, zumal das daneben stehende Schild der Kleist-Route genau informiert, warum der Kleiststein hier steht. Übrigens ist der Kleiststein kein Findling, wie fälschlicherweise auf dem Kleistrouten-Schild behauptet wird...
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Nach einer kurzen Suche fand ich 2006 in der grasigen Umgebung des Kleiststeins die hier fotografierten Reste der Kleiststein-Tafel. Nach dem Beitritt Polens zum Schengener Abkommen am 21.12.2007 fielen die Grenzkontrollen weg. Kurz danach transportierte ich die bis dahin versteckten Tafelreste in meine Wohnung. Dem Schöpfer dieser Tafel muß ich Respektlosigkeit vorwerfen: Auf polnischem Territorium sollte der polnische Text stets vor dem deutschen stehen! Ein Grund für Frustration & Aggression. Übrigens hat man für den Ort Pulverkrug 1997 eine andere Lösung für den Erinnerungstext bevorzugt, die noch heute funktioniert - eine schwere Steintafel - leider auch wieder mit falscher Textreihenfolge:

Auf unbekannte Weise verschwand der Kleiststein zwischen dem 13.09. und 12.10.2006. Nachdem ich dies bemerkt hatte, alarmierte ich per Mail sofort sämtliche Slubicer E-Mail-Adressen, derer ich habhaft werden konnte und informierte auch gleichzeitig das Frankfurter Rathaus und die Frankfurter Tourist-Information. Am 12.10.2006 fuhr ich erneut zum Standort und siehe da - der Kleiststein stand plötzlich wieder an seinem Platz. Bei meinem Besuch am 15.01.2007 stand der Stein auf einem neuen Fundament. Warum der Stein damals verschwand - ohne dass etwas an ihm geändert wurde - könnte nur das Slubicer Rathaus wissen.
Die Idee für die Kleist-Route stammt übrigens von mir: Im August 2009 hat die MOZ meine Idee in einem kurzen Artikel veröffentlicht. Daraufhin hat sich der SVV-Abgeordnete Gleisenstein bei mir gemeldet und er hat aus der Idee einen SVV-Antrag formuliert. Die SVV hat im September 2009 dem Antrag zugestimmt und die Frankfurter Stadtverwaltung mit der Umsetzung beauftragt. Dies war damals die Tourismus-Beauftragte Kankeleit. Im Sommer 2012 wurde die Kleist-Route eingeweiht:
Bei einer Radtour am 29.10.2013 musste ich leider feststellen, dass das Kleistrouten-Schild abmontiert war. Nachdem ich das Schild im Gebüsch fand, versteckte ich es in der näheren Umgebung. In den Tagen danach besuchte ich einen Baumarkt, um passende Sicherheitsschrauben zu kaufen. Am 23.11.2013 fuhr ich gemeinsam mit Edeltraut L. zum Kleiststein, um das Kleistrouten-Schild wieder zu montieren - die Sicherheitsschrauben halten es bis heute am Rahmen - trotz eines brutalen Demolierungsversuches (siehe Fotos vom 16.05.2014).

Einen Auslöser für polnische Agressionen gegen das Kleistrouten-Schild sehe ich auch in der Tatsache, dass der deutsche Text oben auf dem Schild steht und erst darunter folgt der polnische Text. Immerhin befindet sich das Schild auf polnischem Territorium! Daher empfinde ich die Gestaltung dieses Schildes als unsensibel und deutsch-arrogant.


Eine Bemerkung erlaube ich mir: Wahrscheinlich bin ich einer der ganz wenigen Frankfurter, die seit Jahren regelmäßig zum Kleiststein radeln und das Schicksal des Steins beobachten. Auch 2019 werde ich dort wieder mehrmals vorbei radeln - allein oder mit einer Radgruppe.
Eines will ich an dieser Stelle auch noch erwähnen: Von 2011 bis 2017 habe ich in der Nähe des Kleiststeins einen Geocaching-Behälter versteckt. Mit seiner Hilfe gelang es mir, zahlreiche deutsche und polnische Anhänger des Geocaching-Spiels zum Kleiststein zu locken. Vielleicht kommt eines Tages eine offizielle Stelle in Slubice oder Frankfurt (Oder) auf die Idee, mit Geocaching auch wieder Touristen zum Kleiststein und anderen touristischen Hotspots zu locken?

Am 19.02.2019 veröffentlichte die MOZ den unten folgenden Artikel "Kleist-Findling fehlt die Plakette". Ich weiß, dass die Plakette vor mindestens 15 Jahren zerstört wurde. Die Tafelreste habe ich 2006/2007 nahe dem Stein gefunden und geborgen! Jetzt wurde dieser uralte Fakt also zu einem Thema für die Märkische Oderzeitung, die in ihrem Artikel u.a. den Leiter Stadtmarketing Stephan Felsberg zitiert: "Uns war der Diebstahl bisher nicht bekannt." Im Umkehrschluß bedeutet das, dass Herr Felsberg den Kleiststein seit mindestens 15 Jahren, also wahrscheinlich noch nie gesehen hat! Ein aufschlussreiches Armutszeugnis, nicht nur für Herrn Felsberg. Sein beruflicher Abgang vom Frankfurt-Slubicer Tourismusbüro ist meiner Meinung kein Verlust!

Auf eines müssen sich die MOZ-Leser leider immer wieder permanent einstellen: Nach einem erneuten Journalisten-Wechsel innerhalb der MOZ-Stadtboten-Redaktion geht jedes Mal wertvolles Hintergrundwissen verloren. Deshalb schlage ich der MOZ vor, dass sie sich eine Datenbank anlegt mit Namen, Telefonnummern und Mail-Adressen von Bürgern, die als Lokal- und Regional-Experten angesprochen werden können. Ich stehe gern als Ansprechpartner für das Thema "Radfahren und Wandern rund um Frankfurt (Oder) und Slubice" bereit. Diese "Experten-Datenbank" könnte allen alten und neuen Lokal-Journalisten helfen, Zeit zu sparen bei ihren Recherchen und - wie im oben gezeigten Artikel leider passiert - keine längst bekannten Fakten als neues Wissen zu veröffentlichen. Dafür mache ich in erster Linie die Chefredaktion der Märkischen Oderzeitung verantwortlich und nicht die junge Artikel-Autorin!

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