30.11.2016

Kein offener Diskurs zu SED-Herrschaft

Am Dienstag, den 29. November 2016, fand in der Frankfurter Europa-Universität "Viadrina" ein Workshop zum Thema "Aufarbeitung und Recht" statt. Darin ging es Herrn Roland Jahn, dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes, unter anderem um die Frage, warum trotz umfangreicher Bemühungen kein offener Diskurs zwischen den einstigen Opfern und den Mitläufern sowie Beteiligten der SED-Herrschaft zustande gekommen sei.
Zwar sei die Zahl der individuellen Anträge im Jahr 2016 etwas zurückgegangen. Gleichzeitig bleibt das Interesse der Medien und Forschung konstant, und es interessierten sich immer mehr Kinder und Enkel für das Verhalten ihrer Vorfahren in der DDR. Am wichtigsten erscheint Herrn Jahn, wie künftige Generationen die Funktionsweise einer Diktatur verstehen können, um daraus zu lernen.

So kommentiere ich dieses Thema:
Leider ist auch hier in Frankfurt (Oder) nie ein offener Diskurs zwischen den einstigen Opfern und den Mitläufern sowie Beteiligten der SED-Herrschaft zustande gekommen. Solch ein Diskurs war hier in der Stadt nie gewollt. Im Gegenteil: Seit 51 Jahren "schmückt" hier in der Stadt ein DDR-Propaganda-Titel eine kommunale Weihnachtsfeier, der den zahlreichen DDR-Opfern ins Gesicht schlägt und sie verhöhnt. Der zynische DDR-Veranstaltungstitel "Wir sind eine Große Familie" wischt die erlebte DDR-Geschichte brutal vom Tisch und behauptet etwas, was sowohl in der sozialistischen DDR-Wirklichkeit als auch jetzt in der kapitalistischen Marktwirtschaft nie real existierte. Ich sage hier ganz deutlich in Richtung alter und neuer Linkspartei-Politiker: "Wir" waren keine, "wir" sind keine und "wir" werden nie eine "Große Familie" sein.
Der Satz "Wir sind eine große Familie" ist eine der Lebenslügen der Generation Krause.

In diesem Jahr wurden von der Stadt Frankfurt (Oder) etwa 14.000 Einladungen an Frankfurter Senioren verschickt. Nur etwa ein Drittel nahmen diese Einladung an! Diese Zahlen zeigen mir, dass bereits eine Mehrheit der Frankfurter Senioren diesen makaberen Titel "Wir sind eine Große Familie" durchschauen, sich davon distanzieren und sich nicht politisch vereinnahmen lassen. Inzwischen haben längst viele Frankfurter die Chance genutzt, Einsicht in Stasi-Akten zu nehmen. Wer seine Akten gelesen hat, hat kein Verständnis und Interesse für eine Veranstaltung, die Frankfurts Lokal-Politiker oberflächlich als "Große Familie" bezeichnen! Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass bisher noch kein Frankfurter Journalist und leider auch kein Frankfurter Politiker den Mut gefunden haben, den Veranstaltungstitel und die geringe Teilnehmerzahl zu hinterfragen und Konsequenzen zu fordern.

Meine Hoffnung liegt bei kommenden Generationen, die dieses spezielle Frankfurter "Alleinstellungsmerkmal" analysieren und Fragen an die sogenannte "Große Frankfurter Familie" stellen, die hier bis heute leider noch immer verdrängt werden.


Die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur hat im Januar 2017 das Portal "Zeitzeugen" eröffnet.
Das Zeitzeugenportal richtet sich an all diejenigen, die mehr über die Menschen erfahren wollen, die in der Zeit von 1945 bis 1989 auf dem Gebiet des Landes Brandenburg Widerstand leisteten, politische Verfolgung erlitten und Unrecht oder Willkür der SED-Herrschaft erlebten. [Zum Portal "Zeitzeugen"]

Focus-Online hat meine Meinung als Gastbeitrag am 06.12.2016 veröffentlicht!

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